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Lernen im Alter

 

Ältere Menschen haben heute zunehmend die Chance, nicht blosse “Konsumenten von Lern- und Kulturangeboten” zu sein, sondern auch mit dem Lernen bewusst und kreativ umzugehen.

Die neurologischen Veränderungen, die das Alter mit sich bringt, erfordern ein neues Lernverhalten, aber sie hindern in keinem Fall das Lernen. Manche Intelligenzfaktoren sind sogar von der Lebenserfahrung abhängig und nehmen deshalb mit dem Alter zu.

Dazu gehört die Fähigkeit zu Synthetisieren, was heisst, das Wichtige herauszukristallisieren und das Überflüssige auszusortieren. Ausserdem haben ältere Menschen im Laufe ihres Lebens genug Erfahrung im Lösen von Problemen gesammelt, und in vielen Fällen zeigen sie auch eine grössere emotionelle Stärke. Sie können ihre Ressourcen besser mobilisieren und sie sind resilienter. Resilienz ist «psychische Widerstandskraft - die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen.» (Duden)

Auch wenn womöglich weniger Lebensenergie vorhanden ist, wird sie besser bewirtschaftet als in jüngeren Jahren; vorausgesetzt natürlich, dass man kein übermässig traumatisches Leben hinter sich hat und das Rentenalter physisch und emotionell einigermassen gesund erreicht hat.

Lernen ist eine Tätigkeit, die uns während unseres ganzen Lebens begleitet. Was in jüngeren Jahren oft ein blosses “Erwerben von Qualifikationen” im Hinblick auf eine berufliche Laufbahn ist, kann sich im Alter in eine neue und freiere Erfahrung verwandeln. Es geht nicht mehr um eine Motivation, die von äusseren Umständen bestimmt wird; es geht eher darum, die eigenen geistigen Interessen zu pflegen, zu erweitern und dabei auch die eigene geistige Flexibilität zu fördern.

Bei Erwachsenen ist selbstorganisiertes Lernen angesagt. Eine zu passive Haltung gegenüber dem Lernen und eine zu grosse Abhängigkeit von der Lehrperson kann sich als abträglich erweisen. Für ältere Menschen - darunter meinen wir vor allem Menschen, die das Rentenalter erreicht haben -  ist das selbstgesteuerte Lernen eine Möglichkeit, aktiv und kreativ zu bleiben und gegen Vorurteile zu kämpfen, die vielleicht an ihrem Selbstwertgefühl nagen. Dazu gehört die weit verbreitete, jedoch falsche Annahme, dass im Alter ein geistiger Abbau stattfindet, der uns daran hindert, sich selbst zu verändern und weiterzuentwickeln.

Damit Lernen ein Abenteuer bleibt, müssen ältere Erwachsene ermutigt werden, neue Wege und Mittel des Lernens selbständig zu erkunden. Kursleiter sind dann mehr Coaches als Lehrer. Bei lernungewohnten Erwachsenen sind Kursleiter in ihrer Rolle als Vermittler und Berater natürlich stärker gefordert, weil sie nicht nur Wissen, sondern auch Lernstrategien mit auf den Weg geben müssen.

Lernstrategien sind aber auch ein Thema bei lerngewohnten Erwachsenen. Wer im Laufe seines Lebens nie aufgehört hat zu lernen, hat einerseits eine ganze Palette von Lerninstrumenten zur Verfügung, andererseits könnten Lernstrategien, die sich in der Vergangenheit bewährt haben, nicht mehr zeitgemäss sein. Sie könnten im Laufe der Zeit “unökonomisch” geworden sein und den Lernprozess verlangsamen oder komplizieren.

Wir müssen auch berücksichtigen, dass unser Lernverhalten sich in der Kindheit und Jugend entwickelt hat. Im Alter müssen wir lernen, anders zu lernen, weil sich unser Gehirn verändert hat. Wir sind anders «verdrahtet» als in der Kindheit. Deshalb sind zum Beispiel solche Methoden, die uns glauben lassen, man könne eine Fremdsprache auf die gleiche Art und Weise lernen, wie kleine Kinder das Sprechen lernen, sehr weit von der Wirklichkeit entfernt.

Für ältere Menschen ist besonders wichtig, eine Art Standortbestimmung vorzunehmen und die eigene Beziehung zum Lernen bewusst zu reflektieren. Es wäre hilfreich, einen Text zu verfassen, der ähnliche Fragen beantwortet wie diese:

  • Wie habe ich gelernt zu lernen?
  • Welche Muster haben sich im Laufe der Jahre in Bezug auf mein Lernen herauskristallisiert?
  • Wie könnte ich meine Lernkompetenz erweitern?
  • Was möchte ich noch als Lernende/r erfahren?

Manchmal ist eine Erweiterung der “Medienkompetenz” angesagt, zum Beispiel eine Förderung des Umgangs mit den neuen Kommunikationstechnologien (Internet, Lernprogramme, Online-Lernen, soziale Plattformen, usw.). Medienkompetenz wird als die Fähigkeit bezeichnet, Medien und die durch Medien vermittelten Inhalte den eigenen Zielen und Bedürfnissen entsprechend effektiv nutzen zu können. Für ältere Menschen ist diese Herausforderung auch ein Mittel, den Kontakt zur Gegenwart aufrechtzuerhalten.

Aber was sind «altersgerechte» Lernstrategien? Es sind Strategien, die beispielsweise die Verlangsamung in der Aufnahmefähigkeit zu kompensieren versuchen. Wir müssen deshalb Langeweile meiden, und stattdessen das Gehirn durch Reize stimulieren, die Neugier hervorrufen und einen gewissen Überraschungseffekt beinhalten, ohne desorientierend zu wirken.

Es ist hilfreich, sich auf einen anderen Lernkanal zu konzentrieren und dieser mit dem eigenen Hauptkanal zu kombinieren. Zum Beispiel sollten visuelle Menschen mehr mit auditiven Reizen arbeiten; Menschen, die gerne mit den Händen arbeiten, sollten mehr lesen; Menschen, die sehr sprachorientiert sind, sollten etwas Praktisches herstellen.

Visualisierungen und kreative Spiele, die die Fähigkeit zum Assoziieren fördern, sind auch besonders geeignet. Gedächtnis ist mit der Fähigkeit des visuellen Assoziierens eng verbunden. Ältere Menschen haben aufgrund ihrer Lebenserfahrung einen grossen Speicher an inneren Bildern und Zusammenhängen, die aktiviert werden können, um das neue Lernmaterial zu integrieren. Neuer Lernstoff wird nämlich immer an bereits gespeicherte Informationen angeknüpft. Visualisieren und Assoziieren sind auch Grundkompetenzen für die Kreativität, was ein wesentlicher Faktor für die Hirnplastizität ist. Kreative Menschen sind weniger anfällig für "Fossilisierung", der Verhärtung von Denkstrukturen, die sich dann gegen jegliche Veränderung wehren.

Konzentrationsübungen und eine gewisse Praxis der Achtsamkeit helfen, den Fokus zu bewahren und einen Zustand der wachen Entspannung aufrechtzuerhalten, der uns aufnahmefähig für das Neue macht und Ängste abbaut. Auch die Sinne profitieren von Atemübungen und kurzen meditativen Phasen; die Sinneseindrücke werden danach wieder frischer und schärfer.

Gedächtnis und Intelligenz nehmen im Alter nicht absolut ab. Es verändert sich aber die Art, wie Informationen verarbeitet werden. Das grösste Hindernis zur Aufrechterhaltung der eigenen Hirnplastizität sind aber innere Hemmungen und festgefahrene Denkweisen. Auch Ängste, die mit einem negativen Bild des Alters zusammenhängen, können einen Menschen daran hindern, die natürliche lebenslange Lust am Lernen zu geniessen.

Lernen im Alter hilft auch, mit den unvermeidlichen Veränderungen der Lebensumstände umzugehen. Paradoxerweise ist das Alter die Zeit, in der sich viele Dinge schneller ändern als in jüngeren Jahren. Während der Jugend sind Menschen darauf ausgerichtet, eine stabile Lebensgrundlage zu erschaffen (Beruf und Familie oder Ähnliches...). Im Alter wird die "berufliche Identität" überwunden und die Familienkonstellation verändert sich: die Kinder leben anderswo, Freunde und Lebensgefährten sterben. Lebensrückblick ist angesagt und Auseinandersetzung mit den grossen Themen (Tod, Bewusstsein, Transzendenz).

Nur in der Adoleszenz erlebt ein Mensch eine so intensive Phase der inneren und äusseren Veränderung wie im Alter. Es ist kein Zufall, dass sich viele Rentner für Philosophie und Spiritualität interessieren. Auch Lesezirkel und kreatives Schreiben werden als bereichernd empfunden.

Ist das Lernen von neuen Sprachen im Alter empfehlenswert? Auf jeden Fall! Das Sprachen lernen gehört einerseits zum Bereich des "Gehirntrainings", weil es viele kognitive Funktionen mobilisiert. Aber es hält auch die Neugier und die Freude am Kommunizieren wach, versöhnt mit der Welt und kann für Menschen, die zu Depression und Vereinsamung neigen ein Mittel sein, um noch einmal die «Leichtigkeit des Seins» zu erleben.