COMMUNICATION - die professionelle Sprachschule mit Herz

Die Tipps der Polyglotten I

 

Polyglotte (aus dem Griechschen poly, viel und glotta, Zunge oder Sprache) sind Menschen, die mehrere Sprachen beherrschen. Wenn jemand mindestens 5 oder 6 Sprachen bis Niveau B2 kennt, gilt er/sie schon als "Minipolyglott". Interessant wird es aber natürlich, wenn man eine grössere Anzahl Sprachen fliessend sprechen, lesen und schreiben kann… Wir können eine Sprachkompetenz als "fliessend" bezeichnen, wenn wir imstande sind, uns in allen alltäglichen Situationen mühelos zurechtzufinden und eine breite Palette an Gesprächen zu führen, ohne in Verlegenheit zu geraten.

Die digitale Ära hat die Möglichkeit, sich zum Polyglotten zu mausern, exponentiell gesteigert. Man kann nämlich eine Sprache lernen und mit Muttersprachlern kommunizieren, ohne die eigenen vier Wände zu verlassen. Die meisten Polyglotten sind aber nach wie vor auch Globetrotter. Einige haben Blogs und Webseiten, in denen sie ihre Reiseerfahrungen und ihre Techniken zum Sprachenlernen weitergeben.

Einer davon ist Benny Lewis, ein Ire Mitte dreissig, der sich in einem Zeitraum von ungefähr zehn Jahren ein Dutzend Sprachen im Selbststudium angeeignet hat. Sein Blog ist eine Fundgrube von Ressourcen und Kuriositäten im Bereich Sprachenlernen. Er hat auch ein Buch geschrieben: "Fluent in three months - How Anyone of Any Age can Learn to Speak Any Language from Anywhere in the World" (Harper&Collins, 2014). Link zur deutschen Ausgabe "Fliessend in drei Monaten".

Was hat Benny über das Sprachenlernen zu sagen?

Die Motivation vieler, die eine Sprache erlernen, ist häufiger eine extrinsische als eine intrinsische. Das reicht meistens nicht, um die emotionelle Komponente des Lernens lebendig zu halten. Die Hauptmotivation sollte immer die Freude sein, die man dabei empfindet, wenn man die eigenen kommunikativen Kompetenzen und den eigenen Erfahrungshorizont erweitert. Wir sollten von innen heraus eine Sprache um ihrer selbst oder ihrer Kultur willen sprechen wollen. Der Erfolg beim Erlernen einer Sprache hängt nicht mit perfekten Umständen zusammen und erfordert auch kein perfektes Sprachlern-System. Der Erfolg beruht sehr stark darauf, Herausforderungen mit der richtigen Denkweise anzunehmen. Jemand mit sehr viel Leidenschaft wird immer einen Weg finden, Fortschritte in der Zielsprache zu machen, selbst wenn er nicht sehr wirksame Lernansätze verwendet. Es ist aber auch wichtig, die eigenen Grenzen zu erkennen, denn es ist vergebliche Mühe, nach Perfektion zu streben. Wir müssen realistisch sein: es gibt nie einen Endpunkt, an dem wir sagen könnten, die Arbeit des Sprachenlernens sei abgeschlossen.

Immer wenn uns ein neues Wort oder eine neue Redewendung begegnet, die wir uns merken wollen, lohnt es sich, sich ein amüsantes, lebendiges und unvergessliches Bild oder sogar eine Kurzgeschichte als Gedächtnisstütze auszudenken. Es stimmt, dass es anfangs ein oder zwei Minuten dauert, bis man sich eine Geschichte für ein neues Wort ausgedacht hat, und wenn man dies mit den vielen Tausend neuen Wörtern multipliziert, die man lernen möchte, kann es schrecklich unrationell wirken. Hat man es jedoch ein paar Tage oder eine Woche durchgehalten, wird man besser darin und kommt in ein paar Sekunden auf eine fantastische Assoziation.

Benny ist ein überzeugter Verfechter der "Full immersion ohne zu Reisen". Beim Erlernen einer Sprache ist sein Fokus immer auf der Kommunikation. Auch mit minimalen Vorkenntnissen (einigen wenigen Standardsätzen) kann man anfangen, sich mit jemandem zu unterhalten. Es ist aber oft besser, sich Gesprächspartner im Internet zu suchen als die Sprache auf Reisen zu lernen. Als er durch China reiste, lernte er Mandarin langsamer als erwartet, weil die Eingewöhnung in einem fremden Land, der Versuch, Freunde zu finden, mit der Einsamkeit fertigzuwerden und sich den Frustrationen kultureller Unterschiede zu stellen, zu viel auf einmal waren. Sie wurden zum Hindernis beim Erlernen der Sprache. Er empfiehlt deshalb, eine Sprache im voraus zu lernen, bevor man in das Land reist. Mündliche Lektionen über Skype sind effektiver – und deutlich praktischer - um sich auf eine neue Sprache zu konzentrieren. Er empfiehlt auch, sich im heimischen Umfeld auf die Suche nach Muttersprachlern zu begeben oder sich online auf Sprachaustausch-Plattformen anzumelden. Ewig lernen, bis zu einem vagen „Ich bin bereit“-Tag, ist nicht der richtige Weg. Die Sprache laut und mit einem echten Menschen jeden Tag zu sprechen, ob nun persönlich oder online, ist die beste Möglichkeit, schrittweise ein gesprächstaugliches Sprachniveau zu erreichen, bis hin zur flüssigen Sprachbeherrschung. Da Kommunikation das Ziel einer Sprache ist, sollte absolute Priorität nicht sein, dass es perfekt klingt, sondern dass man sich verständlich machen kann. Es ist wichtig, im Gespräch immer proaktiv zu sein, viele Fragen zu stellen und sich alle Ausdrücke zu notieren, die für einen relevant sind. Vor dem ersten (Online-)Gespräch kann man einige einfache Sätze im Internet finden und in einem Online-Wörterbuch einige Wörter suchen, von denen man annimmt, dass sie in der Unterhaltung vorkommen werden. Die Unterhaltungen in der Zielsprache sollten von Anfang an nur in dieser Sprache stattfinden. Die eigene Muttersprache meiden ist der Kernpunkt eines wirklich kommunikativen Lernansatzes. Das Sprachenlernen sollte nie reine Lernarbeit bleiben; man sollte immer auf der Suche nach Möglichkeiten sein, um die Zielsprache anzuwenden.

Man muss aber einsehen, dass eine fliessende Sprachbeherrschung nicht nur dadurch erreicht wird, dass man sich der Sprache aussetzt und sie anwendet. Die "Full immersion online" ist nur die erste Phase. Wenn man sich anfangs nur auf die Kommunikation konzentriert, bekommt man ein echtes Gefühl für die Sprache. Hat man dieses jedoch erreicht, ist es an der Zeit, sich der Theorie zu widmen, also Sprachstrukturen systematisch zu lernen. Benny plädiert sogar für das Lernen der grammatikalischen Terminologie als "Nebensprache", die einem erlaubt zu verstehen, wie jede Sprache aufgebaut ist. Er rät davon ab, als Anfänger eine Sprache anhand von „grammatiklastigen“ Materialien zu lernen - aber, sobald ein gewisses Stadium erreicht ist, erlaubt nur Grammatik Quantensprünge. Das Lernen der grammatikalischen Terminologie kann am Anfang wie eine zusätzliche Bürde vorkommen, die den schnellen Fortschritt bremst, doch der Zeitaufwand lohnt sich: vor allem, weil es das Lernen von weiteren Sprachen erleichtert, da alle Sprachen durch grammatikalische Kategorien beschrieben werden können.

Jeder muss seinen eigenen Lernstil finden, daher empfiehlt Benny zu experimentieren, jedoch in einer erschwinglichen und zielgerichteten Weise. Ein grosses Problem vieler Sprachenlerner ist, dass sie Lernmaterialien horten und meinen, mit allem ein bisschen experimentieren zu können. Er hat aber eine kleine Studie durchgeführt, die gezeigt hat, dass erfolgreiche Sprachenlerner eher die waren, die weniger Lernmaterialien verwendeten.

Seine Studie hat ausserdem eindeutig bewiesen, dass der wichtigste Erfolgsfaktor beim Lernen einer Sprache die innere Motivation und die positive Einstellung der Sprache gegenüber ist und bleibt.