COMMUNICATION - die professionelle Sprachschule mit Herz

Die Tipps der Polyglotten II

 

Gabriel Wyner ist ein Opernsänger, der damit anfing, sich mit Sprachen zu befassen, weil er die richtige Aussprache beim Singen von italienischen, französischen und russischen Opern lernen musste. Dieser Umgang mit Fremdsprachen erweckte in ihm eine Begeisterung für das Thema Sprachenlernen. Er entwickelte eine Methode, um so schnell wie möglich neue Sprachen zu lernen.

Seine goldenen Regeln sind:

  1. Kein Bezug zur Muttersprache herstellen,
  2. der Aussprache einen grossen Stellenwert einräumen,
  3. Flashcardsprogramme (mit spaced repetition) als Hauptwerkzeug.

Schauen wir uns an, wie Gabriel konkret vorgeht, wenn er eine neue Sprache lernen will:

Phase 1
Er lernt die Laute und deren schriftliche Entsprechung. Er macht sich mit den Klängen der neuen Sprache eingehend vertraut und lernt, sie zu erkennen und zu produzieren und natürlich auch, wie sie geschrieben werden. Er befasst sich während der ersten paar Wochen ausschliesslich mit Lauten und Buchstaben (also, fachtechnisch ausgedrückt, mit Phonemen und Graphemen). Dazu benutzt er Onlineprogramme zum Trainieren der Aussprache.

Er benutzt diese Reihenfolge:

  1.  Laute kennenlernen,
  2.  Laute erkennen (hören und sehen),
  3.  Laute aussprechen,
  4.  Laute schreiben.

Phase 2
Er lernt die 625 häufigsten Wörter der neuen Sprache. (Wieso genau 625? Es dürfen wahrscheinlich 600 oder sogar 700 sein, es spielt keine Rolle, es sollten einfach nicht zu viele sein…)

65% des Inhalts eines jeden Textes besteht aus ungefähr 300 Wörtern, welche die Grundlage jeder Sprache bilden. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Konnektoren (wie, und, aber, oder…), Zahlen, häufige Verben (haben, sein, können, müssen, wollen…), Personalpronomen, Possessiva, Demonstrativa, usw.

Er lernt ausschliesslich mit Bildern; er weigert sich, systematisch mit Übersetzungen zu arbeiten, weil er in die neue Sprache eintauchen will, ohne Verbindungen zur eigenen Sprache herzustellen. Sein Ziel ist, in der neuen Sprache so schnell wie möglich zu “denken”. Er legt besonderen Wert darauf, die Vokabelkarten selbst herzustellen, indem er nach Bildern sucht, die für ihn am aussagekräftigsten sind und die stärksten Assoziationen hervorrufen.

Die Vokabelkarten werden mit Flashcardsprogrammen wie Anki hergestellt (er hat auch eine spezielle App mit Zugang zu Google Images entwickelt). Er sieht die Suche nach geeigneten Bildern als Teil des Lernprozesses; die Bedeutung der neuen Wörter prägt man sich schon in dieser Phase ein. Er meint, dass, wenn wir mit vorgefertigten Flashcards arbeiten, die eigentliche Lernerfahrung verpassen. Die Lernkarten sind nicht für uns massgeschneidert und sind deshalb nicht besonders effektiv, weil sie uns nicht an etwas erinnern, was wir zuvor erlebt haben. Er empfiehlt, in den eigenen Erinnerungen nach starken Assoziationen zu suchen, um die neuen Wörter noch persönlicher zu machen. Wenn wir persönliche Assoziationen einbeziehen, werden wir uns die Wörter um 50% besser merken können. Jedes neue Wort besteht nämlich aus diesen 3 Merkmalen: eine Kombination von Lauten, eine entsprechende Kombination von Buchstaben (oder Schriftzeichen) und eine Bedeutung, die man durch verschiedene assoziative Tricks im Gedächtnis behalten kann. Flashcardsprogramme müssen dazu nach dem «space-repetition system» arbeiten (d.h. die Wörter, die man nicht so gut kann, werden häufiger wiederholt, bis sie ins Langzeitgedächtnis gelangen).

Neue Wörter sollten nicht nach thematischen Schwerpunkten gruppiert werden. Gabriel meint, dass das leichter zu Verwechslungen und Verwirrung führt (Ist "jeudi" das Wort für "Dienstag" oder "Donnerstag"? usw). Um das Geschlecht von Substantiven zu behalten, empfiehlt er eine Standardvisualisierung pro Geschlecht, die mit der entsprechenden Assoziation zum Wort memorisiert wird. Man kann sich zum Beispiel vorstellen, wie männliche Substantive in Flammen aufgehen und weibliche Substantive verschmelzen oder sich verflüssigen…

Phase 3
Diese Phase betrifft Grammatik und abstrakte Wörter, die man nur sehr schwer in Bilder “übersetzen” kann. Hier geht es ganz traditionell darum, mit einem Grammatikbuch zu arbeiten und sich Beispielsätze zu merken, die die einzelnen grammatikalischen Regeln beispielhaft verdeutlichen. Erst auf dieser Stufe wird verstanden, wie die Sprache wirklich funktioniert. Die ersten zwei Phasen dienen vor allem dazu, eine Vertrautheit zur Sprache zu entwickeln und einen Grundwortschatz aufzubauen.

Gabriel nennt Grammatik «ein Gerät, das Geschichten erzählt», «a story telling device” (eine sehr schöne Metapher, finde ich). Anhand von Sätzen, die einfache Geschichten erzählen und deren Variationen wird die Mechanik der jeweiligen Sprache erklärt. Die Mustersätze werden dann auf Flashcards übertragen und gelernt. Man kann sich jede grammatikalische Form mit diesem Ansatz merken und alle sonstigen typischen Übungen aus Lehrbüchern überspringen. Es reicht, zwei Beispiele für jede neue grammatikalische Form aus einem Buch zu kopieren und zum nächsten Abschnitt überzugehen. So kann man sehr, sehr schnell vorwärtsgehen und innerhalb weniger Wochen ein Lehrbuch mit wertvollen Informationen verschlingen.

Nach diesen drei Phasen hat man die Grundlage geschaffen und man kann sich gut in der neuen Sprache orientieren. Man kann dann weitermachen, indem man im Internet Partner für Konversation sucht und mit Videos und Texten arbeitet.

Hier geht es zur Webseite von Gabriel Wyner.